365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

Schwester Christine

Es klopft an der Tür und mit einem warmherzige Hallo betritt Schwester Christine das Zimmer. Ihre Ausstrahlung ist voller Güte und Dankbarkeit. Es ist ein Leichtes, sich bei ihr wohl zu fühlen. Sie erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden. Es tut gut mit ihr zu reden.

Christine ist eine taffe, sportliche und energiegeladene Frau. Sie liebt die Berge, liebt es über Klettersteige zu spazieren, Rad zu fahren und das Krafttraining. Ihre 50 Jahre sieht man ihr nicht an.

Sie sagt, das Leben sei unendlich kostbar und man müsse jede Minute nützen. Recht hat sie.

Und neben ihren 30 Stunden im Spital arbeitet sie außerdem noch 30 Stunden die Woche im Architektur- und Grafikbereich. Respekt!

Am Wilhelminenspital selbst schätzt sie, dass die PatientInnen dort glücklicher sein können, weil sie den Ort mit den umliegenden Parkflächen und vielen Bäumen wertschätzen. Das gesamte Pavillonsystem nimmt der Krankenanstalt die Schwere. Die glücklichen PatientInnen wiederum machen sie sehr glücklich. Lästig ist ihr nur die Bürokratie. Sie bringe dem Patienten selbst nicht viel, wäre aber natürlich wichtig.

Im Spital arbeitet Schwester Christine aus purer Nächstenliebe. Nachdem sie 4,5 Jahre ihren krebskranken Freund pflegte und begleitete und darin eine große Bereicherung empfand, machte sie - nach 2 Jahren Trauerarbeit - die Ausbildung zur diplomierten Krankenschwester. Danach fing sie 2015 im Wilhelminenspital an zu arbeiten.

Ihre Vorgeschichte mag traurig klingen und wenn ihr das eine magische Glaskugel zu Anfang ihrer 12-jährigen Beziehung prophezeit hätte, hätte sie sich wohl, wie die meisten Menschen, gegen diese Beziehung entschieden. Aber: Man sollte ein Buch nie nach seinem Umschlag bewerten. In der Phase der Pflege empfand Christine dies sehr erfüllend. Natürlich war es traurig zusehen zu müssen, wie ihr geliebter Mensch dahinschied, aber dennoch bekam die Beziehung dadurch auch eine neue zusätzliche Dimension, die beide sehr erfüllte. Sie lebten eine tiefe Verbundenheit. Sie hatten es schön. Die Seele war heil, das Vehikel funktionierte nur nicht mehr. Es war an der Zeit, diesen wunderbaren Menschen, diesen Geist weiterziehen zu lassen.

Das Sterben gehört nun einmal zum Leben. Bis zur letzten Sekunde dabei begleitet zu werden, ist wohl ein Glück, das nur die wenigsten erleben.

Diese menschliche Dimension ist Schwester Christine in ihrem Beruf das Wichtigste. Und so empfindet sie ihre Arbeit als zutiefst sinnvoll. Für sie ist es sehr befriedigend, für jemand anderen da sein zu können. Dass sich die PatientInnen nicht allein gelassen fühlen und dass man sie auf ihrem Weg begleitet, ist ihre Motivation. Christine ist extrem gern im Wilhelminenspital. Im Speziellen in der hämatologischen Station, weil man dort mehr Bezug zu den PatientInnen aufbaut.

Sie selbst sagt, sie gehe täglich beschenkt nach Hause: „Es gibt immer einen Grund, dankbar zu sein.“

Und so bin auch ich sehr dankbar für dieses bereichernde Gespräch mit Schwester Christine.