365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

Pfleger Valentin

Es klopft an der Tür: Ein junger Mann kommt mit einem freundlichen und beschwingten „Hallo“ zur Tür hinein. Sein Gesicht ist durch den Mund- und Nasenschutz verdeckt. Eine schwarze Hornbrille und das regenbogenfarbene Band, an dem sein Namenskarterl hängt, sowie seine freundliche und vertraute Stimme sind seine Erkennungszeichen. Es ist Valentin.

Valentin ist diplomierter Pfleger und der Jüngste auf der Station. Schon seit Schultagen hegte er großes Interesse an Biologie und machte bereits in der Krankenpflegeschule ein Praktikum auf der Onkologie. Für ihn war es immer wichtig, dass die PatientInnen keine schnell abgefertigten Nummern seien, sondern dass man sie durch die Zeit auch kennenlernen würde. Alternativ kam für ihn auch Langzeitpflege im Altenheim oder in der Behindertenbetreuung in Frage.

Nach seiner Ausbildung arbeitete er direkt auf der Onkologie, auf der Internen Abteilung mit vielen organischen Krebsarten. Doch das Gefühl, etwas zu verpassen, machte sich in ihm breit. Er wollte mehr wissen über den Krebs und seine Formen und beschloss, ein Jahr in Manchester – im The Christie NHS Foundation Trust,einem der größten Krebsbehandlungszentren seiner Art in Europa - zu arbeiten. In diesem Jahr sah er alle Arten von Krebs.

Manchester war für Valentin eine „Schultüte voller Krebs“.

Zurück in Wien entschied Valentin, auf der Hämatologischen Onkologie weiterzuarbeiten. Aus seinen vielen gesammelten Erfahrungen fand er dieses Gebiet am spannendsten, weil der Krebs unsichtbar bleibt und es keinen konkreten Tumor gibt, den man rausschneiden könnte.

An seiner Arbeit gefällt es ihm, dass er sauber arbeiten kann. Zudem mag er die Nachtdienste und schätzt es, dass er keinen Beruf ausübt, bei dem er draußen oder im Regen arbeiten müsste. Er arbeitet gern, ist gern produktiv, aber ein normaler Bürojob käme für ihn nicht in Frage. Jedoch hat jede Medaillie zwei Seiten: 40 % der Arbeit besteht aus dokumentieren und runterschreiben – was sowohl Zeit kostet als  ihn auch ein wenig nervt.

Mir hat Valentin schon einige Male eine Nadel für eine Infusion gesetzt. Ich war erstaunt, an welchen Stellen dies überhaupt möglich ist und im direkten Vergleich könnten sich so manche AssistenzärztInnen und auch erfahrene ÄrztInnen eine Scheibe von seinem Können abschneiden. Fun fact: Valentin selbst hasst Nadeln und bei Impfungen wird er beinahe ohnmächtig! Zumindest muss er sich jedes Mal hinlegen. Aber Nadeln setzen, das kann er verdammt gut und nahezu schmerzlos. Und dieses Können kommt auch bei seiner ehrenamtlichen Mitarbeit bei @gebenfuerleben zum Einsatz.

Am Wilhelminenspital selbst schätzt er besonders das Pavillon-System, so wie die meisten, mit denen ich, während meiner Zeit dort, gesprochen habe. Auch die viele gesunde Natur, die das Gelände ausfüllt und die Möglichkeiten zum Spazieren sind eine gute Medizin, wie ich finde. Wenn man so unter den Bäumen auf der Bank sitzt, kann man für einen Augenblick den eigentlichen Grund seines Aufenthalts dort vergessen.

Valentin beginnt seinen Tag gerne mit „let’s fetz“. Er kommt in die Arbeit und los geht es:

„Let’s fetz, ich geh jetzt Infusionen legen.“

Schritte, die über den Flur gleiten. Es klopft an meiner Tür. Ein junger Mann kommt mit einem freundlichen und beschwingten „Hallo“ zur Tür herein. Sein Gesicht ist durch den Mund- und Nasenschutz verdeckt und doch erkenne ich sein freundliches Lächeln. Ich sehe das regenbogenfarbene Band, an dem sein Namenskarterl hängt, und schon lächle auch ich.