365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

06 – Medizinische Eingriffe – alles halb so wild

Liebes Leukämietagebuch

Ohne kleine operative Eingriffe geht es nicht

Heute wurde eine zweite Knochenmarkbiopsie gemacht. Diese Knochen- und Knochenmarkbiopsie wurde auch an meinem ersten Tag im Spital vorgenommen. Hier stelle ich die drei Eingriffe vor, die zur Standardprozedur gehören. Vorab kann ich versichern, dass die Eingriffe gruseliger klingen, als sie in real dann wirklich sind.

 

Die Knochenmarkbiopsie

Die zwei Punkte am Bild zeigen mögliche Entnahmestellen.

Ich erwachte am Mittwochmorgen und sollte nüchtern bleiben. Ein Arzt klärte mich über den Eingriff auf. Alles klang – ganz ehrlich – ziemlich widerlich: Mit einer Art Bohrnadel fahren sie einem durch Haut, Fett, Knochen bis ins Knochenmark! Dort werden mehrere Proben entnommen und an mehrere Labore gesendet, um so genau wie möglich bestimmen zu können, um welche Leukämieform es sich handelt.  

Ich war verdammt nervös und verbrachte die Zeit, bevor die Ärzte kamen, damit Atemübungen zu machen und meinen Geist zu fokussieren, um mich nicht in den Horrorvorstellungen, die sich meine Fantasie am liebsten ausgemalt hätte, zu verlieren.

Die Ärzte kamen, ich legte mich bauchlinks aufs Bett, bekam Sauerstoff an die Nase und auch schon gleich eine Sedierung in die Venen verabreicht.

Den ersten Pieks der Lokalanästhesie bekam ich noch mit und wie der Arzt anfing es großräumig zu betäuben und dann war ich weg. Haha meine Nervosität war also ganz umsonst gewesen!

Ich erwachte zwei Stunden später auf meinem Bett, auf dem Hintern lag ein kleiner Sandsack und ich war noch immer restsediert. Alles halb so wild!

Kaum aufgerichtet kam auch schon die Schwester und meinte ich solle im Bett bleiben, es gehe gleich weiter in den OP. Ich war noch so betäubt, dass es mir egal war, was als nächstes passieren würde.

Kurz darauf wurde ich samt Bett abgeholt und von einem Pavillon in den anderen gebracht. Das machen hier nette Sanitäter mit Krankenwagen. Ein ziemliches hin- und her. Der Tag hatte bissl was von Prater. 

 

Der Zentrale Venenkatheter (ZVK)

Nach dem ersten Eingriff kam ich in den OP zur Legung eines ZVK, eines Zentralen Venenkatheter. Wieder gab es zuvor ein Gespräch zur Aufklärung und wieder hörte sich alles sehr unangenehm an: Drei dünne, biegsame Kunststoffschläuche sollten in die herznahe obere Hohlvene eingeführt werden und damit drei separate Zuführungswege für Medikationen ermöglichen.

Der Eingriff passierte unter Lokalanästhesie, wieder spürte ich nur den ersten kleinen Pieks und dann nichts mehr. Ich schaute einfach nicht hin und drei Minuten später war die Sache erledigt. Auch in mir drinnen merkte ich nichts von irgendwelchen Schläuchen.

Als am Nachmittag dann alle lokalen Betäubungen nachließen, fing ich an beim Liegen mein Steißbein etwas zu spüren. So als wäre ich beim Snowboarden draufgefallen. Nur nicht so arg schmerzhaft.

Die ersten zwei Nächte spürte ich noch die Stellen etwas nach, aber danach war alles gut. Mittlerweile gehört der ZVK ganz zu mir und stört auch beim Schlafen nicht.

Es hätte wohl auch die Möglichkeit gegeben so einen ZVK beim Hals zu montieren. Das hätte sicherlich arg ausgeschaut. Bin happy, dass ich die schicke Variante mit Zugang beim Schlüsselbein bekommen habe.

Und er funktioniert tadellos: Blutabnehmen kann man da flott oder mir etwas an Medizin verabreichen. Drei Zapfhähne, die in beide Richtungen funktionieren. Schon schräg!

 

Die Lumbalpunktion

Der letzte arge Eingriff der ersten Tage im Spital war die Lumbalpunktion.

Dabei wird eine Hohlnadel in den Wirbelkanal auf Lendenhöhe eingeführt und Nervenwasser entnommen. Im Labor kann man dann mögliche Erkrankungen des Hirns, Rückenmarks oder Entzündungen des Nervensystems ablesen.  

Zugegeben, dieser Eingriff machte mir am meisten Panik, denn im Aufklärungsgespräch hieß es ich müsse bei Bewusstsein sein, weil der Eingriff im Sitzen gemacht werde. Also nichts mit sediert schlafen. Gut, dass die Ärzte einem das alles erst kurz vor Eingriff sagen, so hat man kaum Zeit sich groß verrückt zu machen. Aber nervös war ich!

Ich beruhigte mich mit Atemübungen, trank immer wieder viel Wasser, damit meine Bandscheiben schön aufgeschwemmt waren, machte Lockerungs-und Dehnübungen. Genauso wie ich es vom Krafttraining her kannte. Schaden konnte es nicht und ich lenkte mich vom verrückt machen ab.

20 Min später gings los. Ich setzte mich aufs Bett, machte den Rücken frei. Dann beugte ich mich so viel wie möglich vor und versuchte meine Wirbel weit nach außen zu drücken. Ich war nervös, konzentrierte mich aber auf meinen Atem. Mein ganzer Fokus galt meinem Körper und der Anspannung ganz ruhig sitzen zu bleiben. Ich spürte den ersten Piecks und wie der Doc das Gebiet großräumig betäubte. Es wurde taub und alsbald kam die große Nadel, von der ich aber nichts spürte! Wirklich nichts!

Er musste bissl suchen – der geht da blind rein und dort dann genau in den Kanal zu treffen ist schon eine Kunst! Es dauerte aber nicht lang und ich merkte etwas und meinte „Ja!“.  

Er hatte getroffen und ich nur etwas vernommen, was aber nicht schlimm spürbar oder schmerzlich gewesen wäre! Zwei Röhrchen vom Liquor zapfte er ab und als letztes initiierte er noch ein Spritze mit Chemo in den Kanal, das präventiv mein Hirn vor der Leukämie schützen sollte. Druckpflaster drauf und dann sollte ich 20 min gerade auf dem Rücken liegen, damit keine Übelkeit oder Kopfschmerzen aufkamen.

Geschafft. War gar nicht so schlimm und Kopfschmerzen kamen dank braven Liegen auch nicht auf.

Was gabs noch?

Neben diesen Eingriffen wurden auch kleine Untersuchngen wie Herzecho, Lungenröntgen, Ultrschall der Organge und ein CT von Hirn und Lungen gemacht. Alles schmerzlos.

Das einzig erwähnenswerte ist das CT, wo mir ein Kontrastmittel gespritzt wurde. Das war ein seltsames Gefühl: der Körper wurde ganz warm und die Blase vor allem – es fühlte sich bisschen an, wie auf einer voll aufgedrehten Sitzheizung im Auto zu sitzen. Aber wenn mans weiß, kann man sich ja drauf einstellen.

Die Knochenmarkbiopsie und auch die Lumbalpunktion werden während meiner, circa ein Jahr andauernden, Therapie mehrmals wiederholt. Jetzt wo ich weiß was mich erwartet und gesehen habe, dass es wirklich nicht weh tut, habe ich keine Angst mehr davor.