365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

72 – Zeit Zuhause

Liebes Leukämietagebuch

Cortisol ist meine Droge

Durch das Cortisol habe ich in den letzten Tagen Zuhause so ziemlich das Zeitgefühl verloren. Geschlafen habe ich täglich 3-5 Std und den Rest des Tages war ich knallwach, motiviert und produktiv. In 10 Tagen habe ich gefühlt so viel gemacht, wie sonst in 10 Wochen. Auch mühsame Arbeiten, wie die Balkone aufzuräumen und winterfest zu machen, haben mir nichts ausgemacht. Ich hatte einfach den Drang zu machen.

Koordinativ war es die ersten Tage noch schwer. Beim Aufhängen von Weihnachtsdeko stürzte ich vom Stuhl auf den Küchenboden und hab seither noch eine Prellung am Steißbein. Danach habe ich keine wilden Sachen mehr aufgeführt. Die Treppen hoch- und runtergehen funktionierte auch nur mit anhalten und langsam. Autofahren ging nur schwer bzw. nicht ohne Gefahr für Andere. Ich hätte fast Unfälle gebaut, weil ich schlechter fuhr, als jede Anfängerin: zu viel Gas, zu knapp gebremst. Ich war froh über die doch schnellen Reaktionen zum Bremsen und einen Smart geliehen zu haben, der vorne schnell aufhört. Der Rückweg gestaltete sich ebenso anstrengend und Zuhause angekommen, war ich für den ganzen Tag fix und fertig. Das war eineenorme neurologische Belastung. Den Rest des Tages verbrachte ich auf der Couch und ohne Aktivitäten.

Per Hand schreiben, funktionierte auch noch nicht. Ebenso wenig etwas am Laptop zu machen – ich habe einfach nichts gecheckt. Ich gab dem Zeit und widmete mich die Tage drauf,y1 einwenig Bastelarbeit, um Hände und Hirn etwas zu üben. Ich dachte an Weihnachten und an meine Nichte und überlegte ein kleines Puppenhaus zu bauen. Es dauerte Tage um den Kniff herauszuhaben, wie ich am besten und womit arbeiten kann. Allerdings war es eine sehr befriedigende Beschäftigung und die nächsten 5 Tage wurde es zu einem großen Glücksgefühl es auch endlich fertigzustellen. Der Perfektionismus in mir hat die Sache nicht einfacher gemacht.

Puppenhaus - ca 32 cm hoch

In der zweiten Woche wurde ich Dienstag und Mittwoch für ein Herzecho, Lungenfunktion (beides alsvorbereitende Standarduntersuchungen für die anstehende Stammzellenspende) sowie eine Lumbalpunktion und eine Knochenmarksbiopsie im Wilhelminenspital aufgenommen. Der Prellung kamen die letzten beiden Eingriffe weniger zugute, aber alles geht mal vorbei.

Am Donnerstag verkündete mir der Arzt im AKH, ich würde am Freitag schon aufgenommen werden. Ich kam bissl in Stress, aber da ich ja eh nicht viel schlief und es mir zudem ein großes Anliegen war, beendete ich das Puppenhaus noch am Freitag in der Früh. Schon auch irgendwie praktisch, daß man 4:30 aufstehen kann und hellwach ist.

Und eine Nebenwirkung der vielen motorischen und teilweise kleinteiligen Arbeit ist, daß ich händisch wieder normal und nicht mehr krakelig schreiben kann und daß ich auch wieder am Laptop die richtigen Tasten finde. Das Gehen ist noch etwas schwer, aber mehr durch die Prellung, als neurologisch.

Die letzten Tage bestätigen meine Theorie, daß es wichtig ist sich zu fordern, mental wie physisch, um den Heilungsprozess voranzutreiben.

 

Jede Zelle brauchtEnergie, um sich zu regenerieren.
Energie entsteht durch Bewegung.
Nichts machen ist niemals förderlich.
Oder: Wer rastet, der rostet.

 

Ich schreibe aus dem AKH – heute ist Montag..