365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

62 – 3 Wochen Reha – Reizüberflutung

Liebes Leukämietagebuch⁣

Reha und Nebenwirkungen

Heute ist Sonntag, seit Dienstag bin ich in der Onkologischen Reha, in Bad Schallerbach und nach den letzten Tagen kann ich mit Gewissheit sagen:⁣

Ich leide an Reizüberflutung.⁣

Ich weiß, hier in der Reha, sollte ich zum Erholen da sein, aber die Gesamtsituation überfordert mich Tag für Tag. Schon das zweite Mal innerhalb von drei Tagen musste ich mich mit einer heftigen Migräne herumplagen. Die Ursache diesen, allen Übels liegt ganz klar an meinen Augen, Ohren und meinem ruheliebenden Geist.⁣

Nach der Aufnahme in die Reha bekommt man eine Tabelle mit einem aufgelisteten Plan (Excel) auf dem die Therapien, Untersuchungen etc. stehen und bewegt sich anhand diesem hin und her, auf und ab und kreuz und quer durch das riesige Reha-Gebäude und versucht, möglichst pünktlich, den richtigen Raum zu finden, in dem die nächste Therapie oder die nächste Schulung stattfinden soll.⁣

Zu viele Menschen, zu viele Geräusche, zu viele Buchstaben auf engstem Raum.⁣

Man kommt viel in Bewegung, was ja an uns für sich gut ist, aber für meinen Kopf ist das eine reine Flimmerkiste. Die Zeilen des Tagesplans geben meinen Augen keine Möglichkeit sich irgendwo festzuhalten, ständiges überprüfen, ständiges auf die Uhr schauen, nach dem richtigen Türschild umsehen, ständig Leute die einem entgegenlaufen, ständig wieder die Raumnummer suchen, ständiges Neuorientieren und bloß nicht das Kleingedruckte vergessen – 9:00-9:25 Leintuch mitbringen, 9:30 Badetuch und geschlossene Schuhe. Bleibt noch Zeit? Und wann ist Essenszeit? Denn zum Essen muss man in der angegebenen halben Stunde sein Chipband unbedingt beim Speisesaal am Automaten registrieren, sonst suchen sie einen! Auch wenn man nicht essen möchte, muss man sich registrieren und damit quasi „abmelden“.⁣

"Sonst suchen wir sie!"

wird oft wiederholt und klingt wie eine Drohung. Oft einmal fühlt man sich hier wie in einer Besserungsanstalt. Nicht dass ich Erfahrung hätte, aber so stell' ich es mir bisschen vor.

Das Rennen geht weiter und kaum, dass ich mich verseh, rette ich mich mit einem tauben Arm und halbtauben Gesicht in mein Zimmer. Der Anfall hält, der Schmerz folgt versetzt. ⁣

Alles irgendwie unentspannt. Alles irgendwie extrem angespannt.⁣

Ich hoffe ich werde mich an diese laute, grelle, Welt anpassen können.⁣

08.06.2021:

Allmählich finde ich meinen Weg

Seitdem ich meinen Tagesplan mit verschieden farbigen Textmarkern markiere und damit meinen Augen Anhaltepunkte gebe, komme ich klar. Zudem habe ich in den letzten Tagen auch das große Gebäude mehr kennenlernen können und es fällt mir leichter mich zurechtzufinden.

Die Therapien sind zeitlich teilweise noch stressig, aber das Sportprogramm gefällt mir sehr gut. Sofern für meinen Zeitplan möglich, gehe ich eher hin und bleibe länger. Die Kraftkammer entspannt mich und mein Rehaziel ist auch wieder stärker zu werden.

Zudem habe ich liebe Menschen kennengelernt und nach der letzten Essenszeit tauschen wir uns auf Wanderungen, mit viel Humor, über die Erfahrungen in der Reha, aus. Sie machen mir die Zeit eindeutig angenehmer!