365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

58 – Horrornacht

Liebes Leukämietagebuch

Die Worte haben den Weg nach Draußen nicht gefunden.

Am Freitag habe ich mal wieder stark an der Realität gezweifelt. Der Tag war – zugegeben – recht vielseitig gefüllt und irgendwie war seit der Früh der Wurm drin.

Aber der Höhepunkt sollte am Abend folgen. Als ich abends auf der Couch Musik hörte, wurde meine rechte Hand, von jetzt auf gleich, taub. Dieses Taubheitsgefühl war mir jedoch neu. Diesmal war es kein Kribbeln; die Hand und bald auch der Arm hatten jegliches Gefühl verloren. Der Arm baumelte an meiner Schulter runter und ich erschrak bei jeder Berührung, weil diese einseitig war. So als wenn mich jemand anderes berührt hätte. Als ich dann ins Bett gehen wollte, lief ich fast vor die Wand, als wär ich ferngesteuert. Total gruselig!

Im Bett kroch das Taubheitsgefühl hoch ins Gesicht, sodass es nur noch schwer möglich war die Lippen zu bewegen. Ich wurde panisch und griff zum Handy. 22:34 Uhr. Genau in diesem Moment kam eine Nachricht einer Freundin und ich rief sie sofort an. Ihr konnte ich mich allerdings nicht mitteilen, weil ich plötzlich kein Wort raus bekam, sondern nur jaulende Fragmente. Ich wusste was ich sagen wollte, aber ich konnte es nicht. Die Worte haben den Weg nach Draußen nicht gefunden.

Geistesgegenwärtig riefen sie und ihr Freund die Rettung und mit einem Verdacht auf einen Schlaganfall kamen zwei Retter der Stroke Unit. Ich konnte mich normal bewegen und ihnen die Tür öffnen, aber ich konnte ihnen nicht sagen, was mit mir nicht stimmte. Die Freundin (auch schon auf dem Weg zu mir) war aber die ganze Zeit an Telefon geblieben und erklärte die Lage via Lautsprecher.

Während mit mir Untersuchungen gemacht wurden, trafen auch die Freunde ein. Danach sollte ich meine Tasche fürs Spital packen, was mir sichtlich schwer fiel. Ich war verwirrt und ging planlos zwischen den Räumen hin und her, um mein Gewand, Ladekabel und Zahnbürste einzupacken. Dann ging es los. Das Stiegenhaus runter und in den Rettungswagen. Ich saß mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf einem recht klapprig wirkenden Metallbett und es ging verdammt schnell und mit Blaulicht über den Asphalt.

Die Fahrt hatte ca. 20 Minuten gedauert und die Fähigkeit zu sprechen war teilweise wiedergekehrt. Zumindest gelangen mir nun verständliche Worte, wenn noch nicht ganze Sätze. Beim Spital angekommen, untersuchte und interviewte mich kurz ein Arzt noch im Krankenwagen. Ein Sanitäter half, wenn es bei mir mit dem Reden nicht ging und erklärte meine Lage.

Dann ging es ins CT. Dort bekam ich Kontrastmittel und mein Kopf wurde gescannt. Mittlerweile konnte ich auch schon wieder normal reden. Manche Worte fielen mir nicht gleich ein, aber ich hatte das Gefühl, dass es mit jeder Minute besser wurde.

Nach dem CT wurde ich in ein Zimmer gefahren. Im Zimmer klopfte mich der Arzt noch einmal ab und prüfte meine geistigen Fähigkeiten. Alles schien wieder im Lot. Und auch das CT zeigte keinen Schlaganfall. Mittlerweile konnte ich auch schon wieder fast normal reden.

Das Zimmer war eine ehemalige Intensivstation und der Raum hatte neben vielen Steckdosen und ausgedienten Maschinen, ein Waschbecken und eine Kamera an der Decke. Ich bekam außerdem einen Leibstuhl, weil ich ohne negatives Testresultat nicht in den Gang raus durfte, wo sich die normalen Toiletten befanden. Die Lage war äußerst unangenehm.

Im Zimmer führten zwei Schwestern Standarduntersuchungen durch und drei Covid-Tests. Alles im Liegen, wobei die Stäbchen immer in Rachen und beide Nasenlöcher gesteckt wurden. Zum ersten Mal hatte ich wirkliche Schmerzen bei dem Test und ich habe bereits über 30 hinter mir. Ich weiß ja nicht, aber vielleicht lag es daran, dass die Schwester eher kleiner war und die Perspektive zu meinem Gesicht, dadurch dass ich lag, verzerrt war und sie garnicht wusste wie verdammt tief sie mit dem Staberl ging. Aber es passte ja zum Gesamtkonzept dieser Nacht: Der blanke Horror.

Dann waren endlich alle weg. 0:54 informierte ich meine Erstretter,die Freunde, die ich rief, über meinen Status und versuchte zu schlafen.

Nein wirklich, es kam mir vor wie ein wahr gewordener Alptraum. Erst der Verlust meines Gefühls, dann der der Sprachfähigkeit. Die rasante Fahrt durch eine immer wieder Blau aufblitzende, schwarze Nacht, in einem wackeligen Metallbett sitzend. Die Wärme, die einen einnimmt, wenn man Kontrastmittel bekommt und man denkt man habe sich eingemacht. Drei qualvolle Covid-Abstriche und mein Geschäft unter den Augen fremder Leute verrichten müssen. Das Spital selbst ist dazu sehr alt, die Innenarchitektur sehr verwinkelt und am Wochenende sind wenige Menschen anzutreffen. Das Gemäuer fällt von der Fassade und das Wetter am nächsten Tag blieb grau. Alles einfach gruselig.

Ich durfte am Samstagnachmittag nach Hause. Draußen verlor ich allerdings die Orientierung. Hier war ich noch nie gewesen. Ein wunderschöner Park erwartete mich vor der Tür und viele hohe Bäume. Nach einem kleinen Irrweg und der Hilfe meines Handys fand ich aber den Haupteingang, wo mich auch schon meine lieben Freunde erwarteten.

Der Horror war überstanden.

Die nächsten Untersuchungen werden demnächst im Wilhelminenspital durchgeführt. Vielleicht zeigt das MRT mehr. Vielleicht hat der Neurologe eine Idee.

Und vielleicht sollte ich noch zum Augenarzt, denn mein rechtes Auge hat, seit Freitag früh, einen verschwommen Tropfen im Gesichtsfeld. Kneife ich das linke Auge zu, sehe ich im rechten Auge den Fokus als schmierigen Fleck. Das Lesen und Schreiben fällt mir schwer. Kommunikation via Textnachrichten sind gerade eher rar.

Diese Nacht war ein Horror. Gefangen, unfähig und unwissend, was da mit einem passiert.

Ich bin so dankbar, dass ich gerade noch jemanden erreicht habe. So spät ist mein Telefon für normal schon im Flugmodus.