365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

30 – Neben der Spur

Liebes Leukämietagebuch⁣

Ich fühle mich aufgelöst.

Als wäre mein Körper in seine Atome zerlegt worden. Irgendwie bin ich durcheinander. Irgendwie neben der Spur. Mental fühle ich mich nicht gesammelt. Mir fehlt der Fokus. Alles ist so zerstreut. Draußen Wolken, drinnen Wolken. Es nervt mich alles. Ich fühle, wie sich mein Körper auflöst. Meine Fingerkuppen und Zehe spüre ich kaum. Auch meine Lippen kribbeln. Meine Haut schuppt nur so herunter. Diese chemische Reinigung ist einfach ungut.⁣

Mit der Chemo habe ich heute wieder angefangen. Heute und noch drei Tage und dann bin ich erstmal fertig. Das muss ich noch durchhalten und dann darf ich Donnerstag nach Hause. Hoffentlich verlaufen die letzten 100 Meter nach Plan!! Ich brauche wirklich mal Abstand von diesem ganzen Heckmeck.⁣

Ein Telefonat mit Mama hilft, um in eine bessere Stimmung zu kommen. Ich würde mir jetzt gern Familie her wünschen. Derweil hatte ich nicht viele Tage wie diese, aber gerade an diesen wäre es schön, wenn die Familie nicht 700 bzw. 970 km weit weg wohnen würde. Aber das Leben ist halt kein Wunschkonzert und schließlich habe ich mir Wien selbst ausgesucht und ich mag Wien ja auch sehr gern.⁣

Aber he, die Sonne ist rausgekommen! Vielleicht schaffe ich es doch noch den Tag ins positive zu drehen. Ab nach draußen und spazieren...