365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

23 – Das ist also das Tal

Liebes Leukämietagebuch,

Gestern habe ich mich wohl im Tal verirrt.

Mir war kalt, ich hatte Bauchweh, mein Körper war schwach,appetitlos, regungslos. Meine Seele traurig, leer, einfach erschöpft.

Was tut man da?

Ich schrieb mit meiner Familie was sehr gut tat. Sie habenmich aufgefangen, mir gut zugesprochen, aufgeheitert und motiviert etwas zufrühstücken. Ich ging sogar aufs Ganze und bestellte bei der Essensschwestereinen Kaffee. Es half: allein der Geruch von Kaffee, entlockte mir ein Lächeln.Im Mund frohlockten die Geschmacksnerven über das süße Marmeladenbrot und denbitteren, schwarzen Kaffee. Eine Hitzewelle breitete sich aus – ich spürteendlich wieder ein paar Strahlen der Sonne, die aber weiterhin versteckt hintergroßen Wolken lag.

Mit kreativer Arbeit versuchte ich mich von dem Bauchweh undder Übelkeit abzulenken. Als das nicht half und sie präsenter wurden, bestellteich bei der Schwester Mittel dagegen. Endlich Ruhe. Betäubt widmete ich mich meiner künstlerischerAufarbeitung. Meine Stimmung blieb bedrückt, half mir aber mich auf demPapier auszudrücken.

Was ich so kreatives, künstlerisches zur Aufarbeitung mache?

Ich führe Buch. Oder vielmehr Bücher.

Ich habe zwei Kalender. In den einen habe ich rückblickend hineingeschrieben was mir heuer so passiert ist und schon ein Anhaltspunkt fürdie Krankheit sein könnte. Außerdem halte ich es wie ein Tagebuch und schreibe seit meinem Spitalaufenthalt täglich hinein, wie ich geschlafen habe, wie ich mich fühle, wie aktiv ich war und was an Therapie oder Eingriff ansteht. Eine Art Selfmonitoring. Werkzeuge: Kalender und schwarzer Stift.

Im zweiten Kalender gestalte ich. Hier collagiere ich meineTräume, Gefühle und Erlebnisse bzw. die Nachblendbilder dessen. Auch in diesem Kalender habe ich für die vergangenen Monate rückblickend Collagen gestaltet. Meine Träume notiere ich mir meistens im Handy auf Nacht und kann sie dann gutnachtragen. Werkzeuge: Kalender, Klebestift, Schere, Motiv- und Überschriftenausschnitte aus Magazinen und Zeitschriften, Etikettiermaschine, Buchstabensticker, Neonmarker.

Die Collagetechnik ist super! Man kommt schneller zu Motiven, als mit zeichnen, man bekommt viele Farbspektren geboten und muss nicht die ganze Farbpalette dabei haben und durch die vorgefertigten Motive bekommt man zudem eine Distanz, die sehr bei der Aufarbeitung hilft. Und jeder kann es! Mit dieser Technik muss man nicht besonders künstlerisch talentiert sein, um sich ausdrücken zu können. Die Unperfektion des Ausschnittes, das Kombinieren, Schichten und Kleben – innere Schaubilder bekommen so schnell eine greifbare Form in der eigenen Realität.

In dieser Woche startete die Kopfbestrahlung, es folgten Kopfschmerzen, Erschöpftheit und Unwohlsein.