365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

16 – Ich und ich

Liebes Leukämietagebuch,

Heute freunde ich mich neu mit mir an!

Das neue Bild im Spiegel war überraschend schnell ok für mich. Ich hab einen echt hübschen Kopf und der ist so klein – süss.

Spaß bei Seite. Ich mein‘ ich hab keine Wahl, als es zu akzeptieren. Genau wie meine Diagnose. Die Alternative wäre gewesen sich dagegen zusträuben, es zu verdrängen, in Angst oder Panik zu verfallen und sich einem Strudel an negativen Gedanken und Emotionen hinzugeben. Nein, das klingt doch nicht annähernd angenehm. Ich will leben, ich will lachen, ich will genießen. Ich entscheide mich für Akzeptanz und tue mir einfach alles gute was ich will. Gute Gedanken, gute Gefühle, ein Lächeln beim Schreiben, ein Lachen mit dem Arzt.

Ich schaue mich im Spiegel an und lasse mein Leben Revue passieren.

Meine Oma meinte immer mit den großen Auge sähe ich aus wie eine Porzellanpuppe. Ja, Omi, heute sehe wirklich aus wie eine Porzellanpuppe.

Das Püppi ist auch schon oft zu Boden gefallen und in viele Teile zerbrochen, hat sich aber immer wieder neu zusammengesetzt. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Aufstehen, das Schlechte abschütteln, Frisur richten und erhobenen Hauptes weitergehen.

Wer kennt das nicht.

Ich er-/finde mich neu. So auch in dieser Situation.

Mein Leben war generell nie einfach, aber wer kann das schon behaupten. Wie vielen wurde auch mir nichts geschenkt oder geebnet und ich musste mir alles selbst erarbeiten.  

Und jetzt erscheint alles, was ich bisher erlebt habe, wie eine Trainingssimulation für diese neue Herausforderung.

Ich weiß wie man fällt, ich weiß wie man aufsteht, ich weiß wie man durchhält, aushält, kämpft, weiter standhält, weiter lacht und niemals aufgibt. Es kann also nur gelingen. Ich kann also nur wieder gesund werden. Das liegt quasi in der Mathematik der Dinge!

Mit dieser Zuversicht atme ich bewusst ein und seufze aus.

Bewusst atmen. Das tun wir auch viel zu selten.