365 TAGE ZWISCHEN LEUKÄMIE, ACHTERBAHN UND SONNENSCHEIN

13 – Bestrahlungstherapie des Kopfes

Liebes Leukämietagebuch,

ein fester Bestandteil des Therapieplanes meiner T-ALL-Leukämie ist eine Kopfbestrahlung mit Photonen. Für mich war diese Erfahrung, gesamtheitlich gesehen, die grusligste.

Erstellung der Maske

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Nicht vor, nicht zurück.
Es ist hell, die Augen zu.
So viel auf einmal.
Das Gesicht wird nass.
Feuchte, elastische Masse auf meiner Haut.
Kann ich atmen?
Ziehen und Drücken. Luft!
Helligkeit hinter geschlossenen Augen.
Öffnen wollen, aber nicht können.
Stimmen, die mit mir reden.
Ich kann nicht antworten.
Das Gesicht steif. Ich unbeweglich.
Herumdrücken an der Maske, vereinzelt Klebestreifen.
Die Maske trocknet, wird hart.
Schatten wechseln zwischen hell und dunkel.
Mein Körper in Bewegung.
Es wird dunkel.
Die Maske kalt und hart.
Niemand mehr zu hören.
Ich schlucke, will die Augen öffnen
– es geht nicht.
Um mich herum bewegt sich etwas.
Dann ich: ein Stück rauf, ein Stück runter.
Dunkelheit. Ich warte.
Wieder Bewegung um mich herum.
Ruckartig ein Stück rauf, ein Stück runter.
Helligkeit durch geschlossene Augen.
Stimmen kommen zurück.
„Das war’s auch schon!“
Von der Maske befreit, ich darf aufstehen.
Mir ist schwindelig, der Kopf drückt.

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So in etwa erging es mir heute. Das waren die Eindrücke aus dem Prozess der Maskenerstellung.

Die Maske wird später für die Bestrahlungstherapie verwendet und dient dazu, dass der Kopf bei der Bestrahlung unbewegt, in der gleichen Position bleibt. In der Maske ist man später also so fest fixiert drin, dass man den Mund nicht aufbekommt, geschweige denn die Augen. Zudem kann man anhand der Maske auch bestimmen welcher Bereich genau bestrahlt werden soll, damit zum Beispiel die Augen nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die einzelnen Bestrahlungseinheiten

Eine Bestrahlung dauert 2 Min, der ganze Prozess jeweils 5-10 Min – je nachdem wieviel das Bestrahlungsgerät nachkalibriert werden muss. Verwendet werden Photonenstrahlen.

Wenn Photonen auf den Körper auftreffen, geben sie unmittelbar nach ihrem Eintritt bereits Energie ab. Dabei sinkt die Energiedosis stetig auf ihrem Weg durch das Gewebe ab. In einer Gewebetiefe von 3 cm wirken Photonen am effektivsten. Das aufgedunsene Gehirn und die aufgewärmten Flüssigkeiten im Kopf können unter anderen Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit und Motivationslosigkeit und, abhängig von der Bestrahlungsstärke, auch Langzeitschäden wie gesitige Verlangsamung und mehr verursachen.

Ich werde insgesamt 12 Sitzungen (insgesamt 24 Gy) brauchen. Diese werden täglich bis auf Feiertags und an Wochenenden stattfinden. An den freien Tagen wird mein Hirn etwas regenerieren dürfen.

In meinem Fall ist es eine rein präventive Maßnahme, denn mein Hirn ist frei von Leukämiezellen und soll es eben auch bleiben.

Aus Gruselkabinett wird Kunst

Ich war wirklich heilfroh, als die Bestrahlungstherapie vorbei war. Diese präventive Quälerei hatte mir schießlich viele ungute Gefühle und Nebenwirkungen verschafft. Am Ende der Therapie durfte ich die Maske dann auch mitnehmen und ich hätte sie am liebsten sofort zeremoniell zerschlagen. Ich überschlief jedoch nochmal diese Einstellung und machte am Ende ein Stück Kunst daraus. Nun hängt sie bei mir Zuhause als ein Meilenstein meiner Therapie, den ich erfolgreich hinter mich gebracht habe. Gold lackiert wirkt sie glatt wie eine Trophäe und kann mir nichts mehr anhaben :)